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    Montag, 3. Mai 2021, 23:30

    Alexandra oder: Der Tod einer Schlagersängerin

    Der 31. Juli 1969 war ein heißer Sommertag ohne allzu weltbewegende Vorkommnisse. Ich befand mich mit meiner Mutter zwecks Besuchsurlaub meiner Verwandten in der "Zone", wie wir den ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden damals noch salopp nannten, und an der Spitze der Pop- Charts standen die Edwin Hawkins - Singers mit "Oh Happy Day".
    Am gleichen Tag befand sich eine deutsche Sängerin namens "Alexandra" in ihrem Mercedes zusammen mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Sohn auf dem Weg nach Sylt, um ihren ersten Urlaub seit drei Jahren genießen zu können. In diesen drei Jahren hatte Alexandra eine beachtliche Gesangskarriere absolviert. Aus einem Mädchen, das ihr Gesangstalent zunächst im Hamburger Rotlichtmilieu zur Geltung gebracht hatte, war ein Schlagerstar geworden.
    Ihre Hits wie "Zigeunerjunge" und "Sehnsucht", die sie mit stimmlich dunklem Timbre vortrug, kannte zu diesem Zeitpunkt fast ganz Deutschland. Noch am Vortag sollte ihr Plattenvertrag verlängert werden. Sie war 27 Jahre alt und galt auf dem Höhepunkt ihrer Gesangskarriere dennoch als unglücklich. Vielleicht deshalb mißachtete sie zwei Stoppschilder, rollte in der Nähe von Tellingstedt auf die Landstraße 149 und kollidierte mit einem Lastzug. Alexandra und ihre Mutter kamen bei diesem Unfall ums Leben, ihr sechsjähriger Sohn überlebte mit nur leichten Verletzungen.
    Heute ist aus dem scheinbar alltäglichen Verkehrstod einer damals sehr bekannten Schlagersängerin ein legendenumwehtes Mysterium geworden. Immer neue Verschwörungstheorien machten die Runde, selbst Mordvermutungen standen im Raum.
    Den Stein ins Rollen gebracht hat vor allem ein gewisser Marc Boettcher. Er war Ende der 80er Jahre Dramaturg am Stuttgarter Theater und begann aus rein privatem Interesse mit seinen Recherchen über Alexandras Leben und Sterben. Boettcher stellte zunächst fest, daß es kaum geordnetes Material über die Vita der Sängerin gab. Dafür aber jede Menge Ungereimtheiten und Halbwahrheiten, dubiose Indizien und merkwürdige Hinweise. Amtliche Unterlagen wurden scheinbar manipuliert, während angeblich vernichtete Unterlagen plötzlich wieder auftauchten. Der Unfallmercedes verschwand wenige Wochen nach dem Unfall, bevor er nochmals eingehend untersucht werden konnte. Bereits in der Unfallnacht wurde in die Leichenhalle eingebrochen, in der die tote Künstlerin aufgebahrt war. Kurz darauf wurde ihre Wohnung leergeräumt, angeblich von Familienangehörigen. Ein technisches Gutachten stellte Jahrzehnte später den gesamten Unfallverlauf in Frage.
    Der recherchierende Boettcher grub sich immer tiefer hinein in das Leben von Alexandra. Er erhielt Anrufe, die ihn vor weiteren Nachforschungen warnten. Vor seinem Haus in Berlin- Dahlem lag eines Tages eine tote schwarze Katze, ein Anrufer versprach unverblümt, "das beste Stück abzuschneiden und ihm damit sein Maul zu stopfen". Zwei weitere Autoren, die sich ebenfalls an den brisanten Stoff heranwagten, gaben zwischenzeitlich verschreckt ihr Vorhaben wieder auf. Verwandte der Verstorbenen verweigerten mal die Zusammenarbeit und schütteten Boettcher zu anderen Zeitpunkten ihr Herz aus. Zeugen meldeten sich anonym, andere Zeugen verschwanden oder kamen kurz, nachdem Boettcher sie aufgespürt hatte, ums Leben. Der Bestattungsunternehmer, der Alexandras Leiche gewaschen hatte, meldete sich bei Boettcher und teilte diesem mit, daß die tote Sängerin äußerlich kaum verletzt gewesen sei. Ein Verwandter entpuppte sich als Mitarbeiter des MAD, ein anderer als Stasi- IM. Alexandras letzter Verlobter stellte sich als Bigamist und franko- amerikanischer Spion heraus.
    Boettchers Recherchen wurden zur Besessenheit am Thema. Mittlerweile glaubte er beweisen zu können, daß die Sängerin selbst als Zuträgerin für verschiedene Geheimdienste gearbeitet hatte. Mit jeder neu aufgefundenen Tatsache wurde der "Fall Alexandra" mysteriöser.
    Zwischenzeitlich sind drei Bücher und ein Fernsehfilm zum Thema entstanden, auch konnte sich Boettcher die Filmrechte am Leben von Alexandra sichern.
    Geboren wurde Alexandra am 19. Mai 1942 als Doris Treitz im ostpreußischen Memelland. 1944 flüchtete die Familie nach Norddeutschland, Doris wuchs in Kiel und Hamburg auf. Ihre ersten Bühnenerfahrungen sammelte sie in eher zwielichtigen Hamburger Bars, in denen sie zur Gitarre Selbstgeschriebenes sowie russische Folklore vortrug. Nach einer dubiosen Ehe mit dem dreißig Jahre älteren Russen Nikolai Nefedov, die bereits nach einem Jahr wieder zerbrach, wurde sie von dem damals sehr bekannten Produzenten Fred Weyrich entdeckt, der ihr Talent sofort erkannte und sie gezielt zum Schallplattenstar aufbaute. Alexandra setzte sich deutlich ab von ihren Konkurrentinnen am Schlagermarkt. Ihre Stimme war dunkel und ihre Lieder eher melancholisch. Für den Schlager waren ihre Songs eigentlich zu ernsthaft und schwermütig, doch bediente sie mit Liedern wie "Am großen Strom" oder "Schwarze Balalaika" eine Marktlücke mit der "Sehnsucht nach der russischen Seele". Für ihren Produzenten sollte sie "der weibliche Ivan Rebroff" werden.
    Doch Alexandra wollte weg vom reinen Kommerzschlager, der ihr nicht behagte, sie sah sich eher als Chansonsängerin. Gilbert Bécaud, Juliette Gréco und Adamo waren ihre Idole. Persönliche Affären hatte sie zahllose, wobei Adriano Celentano oder Carlos Jobim noch zu den prominentesten gehörten. Dennoch war sie auch wählerisch: die "goldene Stimme aus Prag", Karel Gott, soll von ihr eine Abfuhr bekommen haben.
    Vielleicht war Alexandra ihrer Zeit als "moderne Frau" um einiges voraus. Sexuell keine Kostverächterin und auch einem "One Night Stand" nicht abgeneigt, wurde sie von der Boulevardpresse ohne jede Häme als alleinerziehende Mutter bezeichnet. Sicher ist, daß Alexandra ihre Attraktivität zielgerichtet zum eigenen Vorteil ausnutzte. In der Schlagerbranche der späten 60er Jahre galt sie dagegen im persönlichen Umgang als "zickig". Was auch daran lag, daß sie ihre Lieder gern selbst schreiben wollte, womit sie das Einkommen von Produzenten, Komponisten und Textern bedrohte, ein absolutes Unding in diesen Jahren. Alexandra wollte das Standardkorsett dieser Branche sprengen und hin zur stärkeren künstlerischen Selbstbestimmung. Tragisch erscheint in diesem Zusammenhang, daß das von ihr selbst komponierte und getextete Lied "Mein Freund der Baum" erst nach ihrem Tod zum Hit wurde. Denn der "Singer- Songwriter" als Typ des Liedermachers war zu Alexandras Zeit noch nicht erfunden. Zumindest nicht in Deutschland.

    www.youtube.com/watch?v=UIvPstv0qoc

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    Dienstag, 4. Mai 2021, 20:57

    Alexandra - Die Legende einer Sängerin

    Die meines Erachtens bis heute beste und umfassendste Dokumentation zum Thema von Marc Boettcher:

    www.youtube.com/watch?v=eudu1VIuI8w

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    Mittwoch, 5. Mai 2021, 18:26

    Das kannte ich noch nicht.

    Allerdings habe ich ab ca. 1966 nur noch BFBS, Top Twenty und britische Rock- und Popmusik angehoert.
    und meins (als Frühaufsteher)

    https://www.youtube.com/watch?v=zQ_-h5n5SsQ