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    Sonntag, 3. Juli 2016, 09:48

    Still und dreckig

    Leider habe ich für dieses Thema kein passendes Forum gefunden, also erstelle ich es mal hier:

    Ich habe meine Kindheit in einem Vorort am Rande Frankfurts verbracht. Wir hatten Verwandte, die in einem Dorf unweit der Zonengrenze wohnten, wo wir sie zwei-, dreimal im Jahr besuchten.

    Was damals ganz und gar anders war als heute, war die Stille, die selbst werktags auf den Straßen herrschte (ich lebe seit 1988 auch auf einem Dorf, aber der Verkehr ist fast schon großstädtisch). Man hätte beim Überqueren der Straße Comics lesen können: die wenigen Autos, die damals fuhren, konnte man schon von weitem hören (sie waren ja auch viel lauter als heute)

    Wenn ich aus dem Fenster unseren Kinderzimmers schaute, blickte ich auf der anderen Straßenseite auf einen Acker, den der Bauer noch mit dem Gaul bestellte. Und durch das oben erwähnte Dorf fuhren von Rindern gezogene Leiterwagen (sehr interessant für uns Großstadtkinder war zu sehen, wenn die Zugtiere langsam den Schwanz hoben und dann... "Thank you very much, wenn die Kuh scheißt, macht es platsch!" sagten wir dann).

    Die Idylle hatte in unserem Vorort allerdings einen gewaltigen Haken, denn wir wohnten quasi Tür an Tür mit einer Chemiefabrik, den Farbwerken Hoechst. Wenn der Wind von Osten kam, war unser Stadtteil in eine schwefelgelbe Wolke gehüllt und es stank auch bestialisch nach Schwefel. Auf diesem Filmschnipsel kann man die entsprechende Esse kurz links sehen (der Wind kommt gerade von Osten): https://www.youtube.com/watch?v=FRogmSnyzdg

    Überhaupt war es damals allgemein viel dreckiger als heute.
    Ich erinnere mich an das kleine Flüßchen Nidda, das in Frankfurt in den Main mündet: an deren Stauwehren türmte sich meterhoch der von den Tensiden der Waschmittel gebildete schmutzig-weiße übel stinkende Schaum, der vom Wind über die Äcker, in den Wald oder gar in nahegelegene Schwimmbäder geweht wurde.

    Und ich erinnere mich an die Abreißlaschen der Getränkedosen, die zu tausenden in der gegend herum lagen, bis deshalb in den 80ern die Dosen mit den Eindrücklaschen eingeführt wurden.

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    Sonntag, 3. Juli 2016, 18:00

    Unsere Umwelt gestern und heute

    Yap, ähnliche Erfahrungen haben wir Kids in den 60ern auch gemacht.
    Wir wohnten rechtsrheinisch am Rande einer Kleinstadt, gelegen zwischen Köln und Düsseldorf. Bis zum Rhein waren es vielleicht 15 bis 20 Kilometer, also keine allzu große Entfernung für uns radelnde Jungs. Trotzdem bin ich dort bis zum sechzehnten Lebensjahr nur zwei oder drei Mal gewesen. Vater Rhein war zumindest in diesem Abschnitt in den 60ern eine stinkende Industriekloake, in der man das Baden vergessen konnte.
    Auch unser "Trinkwasser" bezogen wir in dieser Zeit aus dem Rhein. Gelegentlich kam es vor, daß es eine leichte gelbliche Färbung hatte. Damals war unser Umweltbewußtsein aber noch nicht annähernd so weit ausgeprägt wie heute, so daß wir dieses Wasser notgedrungen verwendet haben.
    Da wir südlich vom "Schreibtisch des Ruhrgebiets" (gemeint ist Düsseldorf) wohnten, also nicht in der eigentlichen Industrieregion, hatten wir mit Luftverschmutzung auch aufgrund des stetigen Westwinds weniger Probleme. Im Sommer kamen wir Radfahrer allenfalls bei stehender Hitze mit "schlechter" Luft durch Autoabgase in Berührung, dies im wesentlichen aber nur im Stadtzentrum.
    Pferde, geschweige denn Ochsen als Zugtiere für landwirtschaftliche Geräte kannten wir in den 60ern bei den uns umgebenden Bauernhöfen nicht mehr. Bei uns am Niederrhein hatten bereits alle Bauern Traktoren, damals noch die offenen Modelle, mit denen man Wind und Wetter ausgesetzt war. "Unser" Landwirt hatte Mitte der 60er bereits große Ackerflächen als Bauland verkauft, das dann umgehend mit einer Siedlung von "Holländerhäusern" bebaut wurde. Für uns fiel dann leider auch das Areal weg, auf dem wir im Herbst Drachen steigen lassen konnten.

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    Montag, 4. Juli 2016, 19:09

    Still und dreckig beschreibt es ganz gut. Ich bin auf einem Dorf aufgewachsen. Autos waren die große Ausnahme. Die Straße gehörte weitgehend den Kindern. Fußball, Federball oder Murmeln spielen, Roller oder Rollschuhfahren. Wenn die Stille unterbrochen wurde, war es meist Kinderlärm oder Hundebellen. Hin und wieder donnerte aber schon mal ein Düsenjäger über das Dorf, das war dann ordentlich laut.
    Die Buderus-Werke in der Stadt betrieben noch einen Hochofen und der Ruß sammelte sich auf den Fensterscheiben. Im Winter qualmten die Schornsteine und das ganze Jahr über die Dampfloks der Güterzüge, die nahe am Dorf vorbeifuhren. Die Flüsse waren schlammig-braun. Der Hochofen wurde schon vor vielen Jahren abgerissen, Dampfloks fahren schon lange keine mehr, aus den Schornsteinen kommt kaum sichtbarer Rauch und der Fluss ist auch viel sauberer. Dafür sind die Straßen dreckiger geworden. Überall liegen MAC-Donalds-Verpackungen, Zigarettenkippen, Plastik oder Glasscherben herum.

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    Montag, 4. Juli 2016, 20:13

    Woran erkennt man als Ortsunkundiger, daß man sich einem McDonalds nähert?
    Der entsprechende Abfall häuft sich!

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    Montag, 4. Juli 2016, 20:40

    "Mäckes" hat ja für diesen Zweck seine "Robbies", deren Auftrag u.a. darin besteht, die Bude und deren Umfeld sauberzuhalten ;) .
    Kennzeichnend für den Mc Donalds in der benachbarten Großstadt war seit den frühen 90ern die Vielzahl der Kaugummiflecken vor dem Lokal. Das lag an der Vielzahl an afrikanischen Drogendealern, die dort ihr Geschäft betrieben und die "Units" bei Kontrollen von Zivilfahndern schnell herunterschluckten. Bei Zustandekommen des Geschäfts wurde der dazugehörende Kaugummi dagegen einfach auf den Platz gespuckt.
    Ende der 90er hatten dann die Geschäftsbetreiber endgültig die Faxen dicke und übten massiven Druck auf die Stadt aus. Die Drogenszene verlagerte sich in den Folgejahren dann in unauffälligere Bereiche.